Ans Vaterland ans teure schließ dich an
- so lautet der Wahlspruch, zu dem ich mich am 29.10.1983 bei meiner Burschung bekannt habe. Er ist ein Zitat aus Schillers „Tell" und geht so weiter: denn dort sind die Wurzeln deiner Kraft.Damals, ich muß es gestehen, habe ich mich wenig mit ihm auseinandergesetzt. Doch heute, mehr als ein Jahrzehnt später, tue ich es - nicht zuletzt durch die immer wieder vorgetragenen Anregungen dazu auf Rheinwachtveranstaltungen.
Was bedeutet es für mich - einen, der in relativem Frieden und relativer Freiheit Mensch geworden ist ?
Soll man dieses Thema sachlich oder emotional angehen ?
Beides - das Thema ist nicht nur von einer Seite zu bewältigen.
Vaterland - das Land der Väter. Das ist das Land des eigenen Ursprungs. Und was macht es aus ? Die Sprache als erstes. Das Gedankengut, die Kultur, die Umgangsformen, das Miteinander, Sitten und Gebräuche, Geschichte und Traditionen.
Vaterland - ein Staat. Es wird hinein gepreßt. Die Grenzen des Staates sind nicht klar, sie verwischen in den Randgebieten. Sie werden künstlich gezogen und hart. Keine Überschreitungen werden zugelassen. Nur deshalb sind sie erkennbar. Existierten keine Grenzen, könnte man nur schwer eine exakte Trennung vollziehen.
Aber es gibt die Staaten und damit ein eindeutig zuordnungsbares Vaterland. Aber diese Staaten ändern sich in der Größe - in der Geschichte vielfach geschehen. Damit ändert sich auch das Vaterland - wenn man es territorial betrachtet. Mal ist es größer - mal ist es kleiner. Die Frage ist also: Kann man das Vaterland rein territorial sehen ?
Mit Sicherheit nicht !
Aber kann man es nur nach den ideellen Werten definieren (s. o.) ?
Mit Sicherheit auch nicht !
Es stellt sich nun natürlich die Frage, wie soll es denn dann definiert werden ? Wie ist denn die richtige Mischung ? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten - wenn überhaupt eine klare Antwort möglich ist.
An dieser Stelle möchte ich einfügen, daß diese Gedanken meine persönlichen sind und keinen Anspruch auf allgemeine Meinung haben wollen.
Die ideellen Werte sind die Grundlage für das Vaterland. Nur dadurch läßt es sich wenigstens halbwegs definieren und in - theoretische - Grenzen fassen. Inwieweit man sich mit dem so definierten Vaterland einem Staatsgebilde einfügen kann, ist eine andere Frage. Denke ich an Deutschland, habe ich alle Probleme der staatlichen Definition des Vaterlandes vor Augen:
- die ehemalige DDR - jetzt Vaterland, vorher nicht ?
- Ostpreußen - immer noch Vaterland; und vor der Besiedlung mit deutschen Ordensrittern ?
- Elsaß-Lothringen - Vaterland oder Frankreich ?
- Schleswig-Holstein - mal deutsch mal dänisch; Vaterland ?
- vor der Reichsbildung - die Kleinstaaterei, was war da das Vaterland ?
Die Liste ist und kann nicht vollständig sein, zu oft haben sich die Grenzen des Vaterlandes verschoben und verändert. Das Vaterland - ein gedankliches Gebilde und somit nur für jeden einzelnen für sich selbst definierbar. Der Rahmen wird durch die oben aufgezählten Begriffe vorgegeben - den Inhalt und die Gewichtung muß jeder für sich finden.
Soweit zum Thema Vaterland. Der Wahlspruch geht aber weiter : ... ans teure schließ dich an. Mit dem Wort „teure" wird das Vaterland greifbar, wird ein Auftrag gegeben. Was einem lieb und teuer ist, versucht man auch zu erhalten und zu beschützen, aber auch weiter zu entwickeln und zu verbessern, vielleicht auch lebens- und liebenswerter zu machen. Und das, was einem teuer ist, ist meist gegenständlich - also in dem Fall wird das gedankliche Vaterland zu einem gegenständlichen. Damit bin ich dann doch bei einem Staat angekommen. Und der Staat, der das, was ich unter meinem Vaterland verstehe, ist die Bundesrepublik Deutschland - unabhängig von der momentanen Ausdehnung. Aber das muß auch seine Einschränkungen erfahren. Ein Gebiet, was z. B. nicht zu „meinem" Kulturkreis (im weiten Sinne) gehört, kann nicht zu meinem Vaterland gehören, auch wenn es staatsrechtlich dazugehören sollte. Umgekehrt gilt es auch. Gebiete, die nicht zum Staatsgebilde zählen, aber nach meiner Definition kulturmäßig dazugehören, sind Teil meines Vaterlandes. Bedingung für beide Fälle ist aber, ob in diesen Gebieten auch die Kultur gelebt wird. So kann ich ein Gebiet, in dem „die deutsche Kultur" nicht oder nicht mehr gelebt wird, auch nicht als zu meinem Vaterland gehörig bezeichnen. Der Wahlspruch gibt mir den Auftrag, mich an das teure Vaterland anzuschließen, ein Teil von ihm zu werden. Doch welches Vaterland meinten die Gründerburschen ? Mit Sicherheit das damalige Reich - inklusive der Gebiete, die durch den Vertrag von Versaille vom Reich gelöst wurden, in denen eine Volksabstimmung über eine weitere Reichszugehörigkeit entscheiden sollte. Dort wurde die deutsche Kultur noch gelebt - also gehörten sie noch zum Vaterland, auch in meinem Sinne.
Wichtig ist für mich auch, wie der Wahlspruch weitergeht : denn da sind die Wurzeln deiner Kraft. Mir sagt das, daß man ein Vaterland braucht, aus dem man seine Kraft für das Leben erhält. Das, was seit Generationen gewachsen ist, ist die Grundlage für folgende Generationen, daraus ziehen sie die Kraft, um sich zu entwickeln. Ohne ein Vaterland kann ein Leben kaum ein erfülltes Leben sein. Das Fazit aus dieser Gedankensammlung ist:
An mein Vaterland, so wie ich es mir vorstelle und definiere, schließe ich mich gerne an - aber an ein Vaterland, was nicht mit meinen Vorstellungen übereinstimmt und mir aufgezwungen wird, dem kann ich mich nicht ohne weiteres anschließen.
Und das Ergebnis für die Rheinwacht ? Dulde und fördere die Freiheit eines jeden, sich sein eigenes Vaterland zu bilden - die Grundstruktur wird bei allen gleich sein, denn alle haben das gleiche Vaterland.