Was ist es, dieses 'Vaterland'? Ist es etwas in dem wir leben, atmen, arbeiten, wohnen? Betreten wir es mit unseren Füßen? Fahren wir darin umher? Oder ist es eine Welt in der Welt, meine eigene Welt in der globalen Welt; sozusagen eine russische Puppe in der Puppe? Diese Gedanken führen zu Überlegungen die erhellen sollen ob der Begriff des 'Vaterlandes' etwas Konkretes oder etwas Imaginäres, Abstraktes bezeichnet. In der Vergangenheit finden wir Hinweise für beide Vorstellungen. Aber ist die Gleichsetzung von 'Vaterland' mit einem Territorium brauchbar und sinnvoll? Engt sie nicht gedanklich zu sehr ein? Führt sie nicht zu falschen Schlüssen? Sehen wir uns um!Alexander Berresheim, al. BosZur Zeit der Aufklärung, etwa ab der Französischen Revolution, gewann vaterländisches Denken mehr und mehr an Bedeutung. Jeder, der den Begriff Vaterland gebrauchte, legte sich auf eine bestimmte Gesinnung im Kreise Gleichgesinnter fest. In der vorindustriellen Zeit betraf das vornehmlich akademische Kreise, sowie das Handwerk und den Handel. Beflügelt durch das enthusiastische Gedankengut der französischen Revolutionäre, begeisterte man sich auch in den deutschsprechenden Ländern für die Ziele 'Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit.' Das fand bei der jungen Elite seinen Niederschlag in den Forderungen nach Freiheit des Geistes, des Wortes, des Reisens und des Handels, nach sozialer Gerechtigkeit durch Beseitigung des Feudalismus und Schaffung einer staatlichen Souveränität, Befreiung der Bauern, allgemeinem Erwerb von Grundbesitz und nach einem friedlichem Nebeneinander der Völker. Diese Gedanken prägten das Wunschbild von einem gemeinsamen Vaterland der Deutschen. Abhängig von Stand und Herkunft, sowie je nach Wohnort hatten diese Ziele für den Einzelnen unterschiedliche Prioritäten. Georg Büchner, der sich zeitweilig im Elsaß und in der Schweiz vor den deutschen Behörden verbarg, beschrieb in seinen Briefen an Freunde die unterschiedlichen Vorstellungen die seine Kommilitonen von einem deutschen Vaterland hatten. Nach den napoleonischen Kriegen wandelte sich das grundlegend. Unter den Eindrücken der Feldzüge Napoleons bekam das nationale Denken Vorrang, das sich - geschürt durch einschlägige Literatur - bis zum abgrundtiefen Haß auf fremde Völker allgemein, und Franzosen im besonderen steigerte. Durch die wechselnden Verbündeten in den kriegerischen Auseinandersetzungen waren territoriale Zuordnungen nicht möglich, sodaß sich das einigende Moment im Vaterlandsbegriff hauptsächlich auf die deutsche Sprache bezog. Beispielhaft finden wir das bei Ernst Moritz Arndt - einem auf der Insel Rügen gebürtigen Schweden - der 1813 in seinem Lied 'Was ist des Deutschen Vaterland?' die territoriale Begrenzung (einschließlich der Länder Schweiz und Tirol) verneint, und Kulturräume die durch Sprache und Gesang gekennzeichnet sind bejaht hat. Nach der Reichsgründung und damit nach Beendigung der Kleinstaaterei wandelte sich die Sinngebung erneut. Neu hinzu kamen jetzt die territorialen Grenzen. Gleichzeitig verdrängte der nach 1850 wiedererstarkte Feudalismus mehr und mehr das Gedankengut der Vormärzzeit von Liberalismus, Sozialismus und Internationalismus und bezeichnete es als 'undeutsch' und 'schädlich für das Volk'. Mehr noch: Die Anhänger der revolutionären Ideen gerieten nun in Widerstreit mit den Vertretern der restaurativen Kräfte, die nun ihrerseits ein divergierendes Vaterlandsbild bestimmten. Dieser kurze Abriß zeigt, wie wandelbar und abhängig von den subjektiven Vorstellungen und Interessen jedes Einzelnen der Vaterlandsbegriff ist. Bedingt durch diese Wandelbarkeit und die individuellen Vorstellungen ergibt sich die Tatsache, daß der Sinngehalt des Vaterlandsbegriffes nur aus dem Verständnis der Zeit heraus betrachtet werden kann und auch nur in dieser Zeit seine Gültigkeit hat. Unzulässig ist, ein Vaterlandsbild das in der Vergangenheit, in einem gänzlich anderen Umfeld seine Gültigkeit hatte, der Gegenwart zu vererben.
Man erlebt die Schwierigkeiten die mit dem Gebrauch des Begriffes Vaterland einhergehen hauptsächlich in Gesprächen mit jungen Leuten, die geprägt vom liberalen, demokratischen Denken der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, die damaligen Begriffsbestimmungen nicht nachvollziehen können oder sie rundweg ablehnen. Dabei wird übersehen, daß die unbefangene Betrachtungsweise eines Vaterlandsbegriffes mit neuer, aktualisierter Sinngebung, auch für die jüngere Generation eine gewisse Attraktivität aufweisen kann. Das Problem besteht in den Inhalten. Kommen wir zunächst zu der Frage zurück ob es sich um einen konkreten Begriff handelt, der mit Bedingungen und Bindungen an territoriale Gegebenheiten verbunden werden darf und der nur für einen begrenzten Zeitraum gültig ist. Wenn ja, wer ist befugt diese Daten festzulegen? Oder haben wir es mit einem abstrakten Begriff zu tun der nur gedacht werden kann, der nur im Bewußtsein eines jeden Individuums existiert und dessen Inhalte subjektiv bestimmt sind? Diese Fragen sind zu klären. Betrachten wir einige Wortverbindungen unter semantischen Gesichtspunkten, ob hier ein Hinweis gefunden werden kann, nach dem der Begriff 'Vaterland' zwingend als konkret eingestuft werden muß.
Aus dieser kleinen, aber repräsentativen Auswahl läßt sich nicht ableiten daß dem Begriff 'Vaterland' zwingend ein begrenztes, konstituierbares Hoheitsgebiet mit zeitlich limitierbarer Existenz zuzuordnen ist. Es liegt vielmehr nahe, ihm eine abstrakte Bedeutung zuzuordnen. Dann wird es möglich ihn zeitgemäß zu betrachten, um ihn wieder, befreit von ideologischen Hypotheken, unbefangen aussprechen zu können. Bei Bezügen auf ein konkretes Territorium wird er im heutigen Sprachgebrauch ohnehin durch andere Worte ersetzt, wie o.a. Beispiele zeigen. Da ein Abstraktum nur gedacht werden kann und somit direkt dem Bewußtsein zugeordnet ist, existiert der Vaterlandsbegriff überall dort wo dieses Bewußtsein vorhanden ist. Er ist folglich unabhängig vom Ort der Geburt. Dies ist im Zusammenhang mit dem Begriff 'Nation' (lat. natio = Geburt) von Bedeutung, der sich somit vom 'Vaterland' unterscheidet. Wenn das Bewußtsein aus physiologischen oder psychologischen Gründen nicht vorhanden ist, verschwindet mit ihm gleichzeitig die subjektive, individuelle Vorstellung des Vaterlandes. Mit anderen Worten: Das Bewußtsein ist die conditio sine qua non für die Existenz des Vaterlandes.Vaterlandsfeind. - Da hier das Territorium oder die Nation gemeint ist, verwendet man heute die Begriffe Staatsfeind, Angreifer oder Aggressor.
Vaterlandsverteidigung heißt aus dem gleichen Grund heute Landesverteidigung.
Vaterlandsverrat der sich als Straftatbestand gegen den konkreten Staat richtet heißt heute Landesverrat.
Vaterlandsliebe. - Ein Gefühl kann sich auf eine Nation, aber schwerlich auf ein Territorium beziehen; denn dann spricht man von der Liebe zur Heimat.
vaterlandslos. - Wenn es sich hier um die Nicht-Zugehörigkeit zu einem konkreten politischen Gebilde handelt wird die Bezeichnung staatenlos verwendet.
Vaterlandsgrenzen, die die Ausdehnung eines Hoheitsgebietes bezeichnen sind Landes- oder Staatsgrenzen.Welche Inhalte werden nun vom Individuum dem 'Vaterland' zugeordnet? Eng verbunden mit dem Lebensraum eines Volkes sind die Werte aus denen sich die Kultur dieses Volkes konstituiert. Innerhalb eines Kulturkreises sind diese Werte jedoch wandelbar, einsetz- und absetzbar. Eine Bewertung erfolgt auf alles was die Menschen ehren, schätzen, lieben, achten und letztendlich ihrem Tun als Zweck setzen. Der Lebensraum bildet einen Menschen während seiner Entwicklung . Er wirkt, neben seinen leiblichen Eltern, erziehend wie die Schule. Die Gedankenbrücke ist daher statthaft, vom Vaterland als einer formenden Einflußgröße zu reden, von einem Land, daß mir bei meiner Prägung ein zweiter, geistiger Vater war. Es muß nicht zwingend mit dem Land der leiblichen Väter identisch sein. Das Umfeld, in dem die vom Einzelnen ausgewählten und verinnerlichten Werte Bestand haben wird im Bewußtsein als Vaterland empfunden. Es reicht soweit und solange die Werte gültig sind und weist keine realen Merkmale auf wie Grenzen, Größe oder Dauer. Es läßt sich weder verkaufen, erwerben, verlieren; wohl aber lieben oder verraten.
Die epochenbedingte neue Sicht einzelner Werte und deren Niederschlag im Vaterlandsbegriff sagt nichts über seine Qualität und Gültigkeit aus, welche wiederum nur innerhalb dieser Epoche beurteilt werden können. Falsch ist es daher, Werte im Vaterlandsbegriff als nicht wandelbar zu bezeichnen und sie in ein Umfeld zu tradieren in dem sie keine Relevanz mehr besitzen. Jedwede Änderung von Wertmaßstäben die dem Vaterlandsbegriff des Einzelnen zugeordnet sind, die gegen den Willen und die Mitwirkung des Individuums geschieht, wird von diesem als eine Bedrohung seines Lebensraumes oder Umfeldes empfunden. Somit kann man alles Tun, mit dem Zweck der Werterhaltung, gegen ungewollte Änderungen als vaterländisch oder patriotisch bezeichnen. Hierbei ist dieses Tun selbst aber nicht als Wert, sondern als Notwendigkeit zu bezeichnen. Dagegen ist die Instrumentalisierung des Vaterlandsbegriffs zur Mobilisierung der Massen ein dialektischer Trick der Demagogie. Es ist sehr schwer Emotionen zu wecken, indem man einzelne Werte aufführt die es zu bewahren gilt und darzulegen wie und durch was sie gefährdet sind, da sie von unterschiedlichen Menschen verschieden gewichtet werden. Einfacher ist es dagegen bei einer echten oder vermeintlichen Bedrohung ganz allgemein - wie einen Joker - den Vaterlandsbegriff zu verwenden, da mit diesem jeder Mensch unwillkürlich und individuell all jene Werte in Gefahr sieht, die für ihn in seinem Vaterlandsbild wichtig sind. Welche Werte, und in welchem Umfang und mit welcher Priorität diese im Bewußtsein dem Begriff Vaterland zugeordnet sind entscheidet jeder Mensch für sich allein. Man kann ihm das nicht vorschreiben. Daher können Vorstellungen über das Vaterland bei verschiedenen Menschen unterschiedlich sein, obwohl sie im gleichen Lebensraum ihre Persönlichkeitsbildung erfahren haben.
Die Schwierigkeiten mit der Akzeptanz des Vaterlandsbegriffs in der heutigen Zeit, besonders bei jüngeren Menschen beruht auf der Überfrachtung dieses Begriffs mit tradierten Werten, die aus heutiger Sicht obsolet sind oder einfach nicht mehr existieren. Gleichzeitig hat die ältere Generation versäumt die frei gewordenen Plätze mit in heutiger Zeit wichtigen Werten zu besetzen. Ich glaube daß man einem jungen Menschen heute durchaus erklären kann, daß politische Aktivitäten im Rahmen unserer rechtsstaatlichen Ordnung gegen eine fortlaufende Änderung unserer fundamentalen Werte zum negativen hin (Grundgesetz, Umwelt, Moral, Ethik) - um nur ein paar Beispiele zu nennen -, vaterländisches Handeln bedeuten können. Und das Vaterland selbst? Wird es überflüssig bei der fortschreitenden Integration Europas? Gibt es noch ein solches beim Fortfall nationaler Staatsgrenzen? Mehr denn je! Denn gleichzeitig mit dem europäischen Zusammenschluß entwickeln sich Regionalisierungstendenzen. Alle Probleme, deren Lösung man einer übergeordneten Institution nicht überlassen will, oder die Europa nicht lösen kann, werden regionalisiert. Hierbei wird dann deutlich wie sehr sich in ethischen, kulturellen oder sozialen Fragen, selbst innerhalb eines nationalen Staatsgebietes, die Auffassungen unterscheiden (z.B. Abtreibungsgesetz, Schulwesen, Arbeitsmarkt usw.). Diese von Ansichten, Überzeugungen, Traditionen und Notwendigkeiten geprägte 'künstliche' Welt, dieses 'virtuelle' Land im Bewußtsein des Individuums, kann man als 'Vaterland' bezeichnen. Es ist wandelbar und wird von den zeitlichen Umständen mitgeprägt. Klaus Mann, ein Sohn von Thomas Mann nannte es in der Emigration 'ortlose Heimat' oder 'Landschaft der Seele'. Dieses so gegenwärtige Bild enthält auch Wunschvorstellungen und ideell verklärte Ansprüche, die aus den Erwartungen entstehen die wir an unsere Umgebung und die Mitmenschen, aber auch an den Souverän stellen. Das Bestreben diese Ziele zu erreichen ist vaterländisches Denken und Handeln. Aber nur die Erkenntnis daß alle Menschen ein solch individuelles Bild in sich tragen führt zu einer klaren Abgrenzung von nationalistischem oder chauvinistischem Gedankengut, das im Sinne einer Völkerverständigung auf das Schärfste zu verurteilen ist. Nur wer, gleich aus welchen Gründen, die Inhalte seines eigenen Vaterlandsbildes anderen Menschen aufzwingen will, hat diesen Unterschied nicht erkannt. Bei der jüngeren Generation sind diese Zusammenhänge erklärungsbedürftig.